Männlich - Weiblich
Die anfängliche Symbiose
Am Anfang war das Eine. Zuerst bildeten innerer Mann und innere Frau eine symbiotische Einheit. Sie waren zusammengewachsen wie die beiden Seiten eines Herzens. Zusammen waren sie zwar durchaus vollständig, doch fehlte ihnen jede bewusste Einsicht in das Wesen der anderen Seite und damit auch in ihr eigenes Wesen. Um sich weiter zu entwickeln, mussten sie erst einmal sich trennen, sich ihrer selbst bewusst werden und mit sich selber in Einklang kommen. Nur so können sie wieder zusammenfinden und durch gegenseitige Resonanz sich auf eine höhere Ebene aufschwingen.
Dass sie sich würden trennen müssen, das war beiden Seiten klar. Aber nun kamen die Unterschiede in ihrem Wesen zum Tragen. Die weibliche Seite brauchte Zeit, um alles spüren zu können. Die männliche Seite kannte ihr Ziel und wurde schnell ungeduldig. So kam es immer wieder zu einem Gerangel zwischen den beiden Seiten. Schliesslich hatte die männliche Seite genug davon, dauernd zurückgehalten zu werden und warten zu müssen, und sie riss sich einfach los. Das war für die weibliche Seite sehr verletzend. Die weibliche Seite fühlte sich von der männlichen Seite verraten. Sie fühlte sich unverstanden und im Stich gelassen. Sie verlor das Vertrauen in die männliche Seite und wollte mit ihr überhaupt nichts mehr zu tun haben. Dies war der Zeitpunkt, als das Matriarchat eingeführt wurde.
Das Matriarchat
Die Macht der Frauen im Matriarchat beruhte auf ihrer Magie. Die Frauen haben die Monatsblutung, und sie können Kinder empfangen und gebären. Damit haben sie einen Zugang zu Kräften, welcher den Männern auf immer verschlossen bleibt. Im Bereich der Magie haben die Männer den Frauen nichts Vergleichbares entgegenzusetzen. Die Frauen waren das starke Geschlecht. Sie galten als die vollständigen Menschen. Die Männer waren das schwache Geschlecht, minderwertige Abweichungen, nur für niedere Dienste zu gebrauchen. Für die Liebe waren die Männer sowieso nicht tauglich. Sie würden die Frauen doch nur immer wieder verletzen. Nur eine Frau kann eine Frau erkennen und lieben. Für die Fortpflanzung waren die Frauen zwar weiterhin auf die Männer angewiesen. Aber mit ihrer Magie haben die Frauen den Männern die Herzen versiegelt, damit sie mit den Männern Sex haben konnten, ohne sich in diese zu verlieben. Wenn eine Frau sich doch einmal in einen Mann verliebt hat, galt sie als Verräterin und wurde von den anderen Frauen ausgestossen.
Die Frauen haben ihre Macht nicht nur benutzt, um die Männer zu kontrollieren, sondern auch, um sich an den Männern zu rächen. Die Kastration war dazu bestens geeignet. Erst wurden die Männer auf ihre Sexualität reduziert, und dann wurde ihnen auch diese noch weggenommen. Wahrlich kein schönes Schicksal für die betroffenen Männer. Dies hat denn auch schliesslich zum Zusammenbruch des Matriarchats geführt. Die Vormacht der Frauen ist zerfallen infolge der Schuldgefühle der Frauen ihren eigenen Taten gegenüber. Erst dadurch wurde es den Männern überhaupt möglich, die Herrschaft der Frauen zu überwinden.
Das Patriarchat
Die Macht der Männer im Patriarchat beruhte auf dem Faustrecht. Die Waffen der Männer sind die Verlängerung ihrer Fäuste. Magie war im Patriarchat verpönt, denn dies war ja gerade die Stärke der Frauen, und davon wollten die Männer bestimmt nichts mehr wissen. Nun waren die Männer das starke Geschlecht. Sie galten als die vollständigen Menschen. Die Frauen waren das schwache Geschlecht, minderwertige Abweichungen, nur für niedere Dienste zu gebrauchen. Zwar brachten auch weiterhin die Frauen die Kinder zur Welt. Aber die Frauen samt ihrer Kinder wurden nun zum Besitz der Männer erklärt. Die Liebe der Frauen wurde entwertet. Sie waren jetzt entweder Heilige oder Huren. Mit einer allgemein gutgeheissenen Doppelmoral pochten die Männer darauf, dass ihre Frauen ihnen treu seien, während sie selber ihren Frauen keineswegs treu zu sein brauchten. Wenn ein Mann mehrere Frauen hatte, war er ein Hecht und ein toller Kerl. Wenn eine Frau mehrere Männer hatte, war sie eine Schlampe und ein gefallenes Mädchen.
Die Männer haben ihre Macht ebenfalls nicht nur benutzt, um die Frauen zu kontrollieren, sondern auch, um sich an den Frauen zu rächen. Missbrauch, Beschneidung und Vergewaltigung waren nicht nur in Kriegszeiten weit verbreitet. Wahrlich kein schönes Schicksal für die betroffenen Frauen. Dies wird denn auch schliesslich zum Zusammenbruch des Patriarchats führen. Die Vormacht der Männer wird zerfallen infolge der Schuldgefühle der Männer ihren eigenen Taten gegenüber. Erst dadurch wird es den Frauen überhaupt möglich, die Herrschaft der Männer zu überwinden.
Jenseits von Matriarchat und Patriarchat
Nachdem das Patriarchat genauso gescheitert ist wie das Matriarchat, wäre eigentlich der Zeitpunkt gekommen, um das zu verwirklichen, was mit der Trennung von männlicher und weiblicher Seite ursprünglich angestrebt wurde, nämlich Resonanz zwischen beiden Seiten und Vereinigung auf einer höheren Ebene. Dazu ist erforderlich, dass beide Seiten die Verantwortung für ihren eigenen Schmerz selber übernehmen, statt dauernd der anderen Seite die Schuld daran zuzuschieben. Der eigene Schmerz muss bis in die tiefsten Schichten akzeptiert und losgelassen werden.
Schmerz ist die Kehrseite der Liebe. Nur wenn wir den Schmerz voll und ganz zulassen, können wir uns auch der Liebe voll und ganz öffnen. Nur so können beide Seiten zu ihrer ursprünglichen Unschuld zurückfinden, und nur so wird auch endlich die heilige Hochzeit zwischen dem inneren Mann und der inneren Frau in der inneren Hochzeitskammer des Herzens stattfinden können. Diese heilige Hochzeit ist gleichbedeutend mit der Auferstehung und mit dem ewigen Leben. Die Auferstehung geschieht vor dem Tod und nicht nach dem Tod, wie die „christliche“ Kirche irrtümlicherweise lehrt.
Die tantrische Liebesbeziehung
Der letztgenannte Satz ist die zentrale Aussage in meinem Lieblingsbuch „The Wild Girl“ von Michèle Roberts. Das Buch beschreibt ganz freimütig die tantrische Liebesbeziehung zwischen Jesus von Nazareth und Maria Magdalena. Diese Liebesbeziehung lässt wahrlich keine Wünsche offen. Maria Magdalena erlebt die höchsten Höhen der Liebe, weil sie bereit ist, auch die tiefsten Tiefen des Schmerzes zuzulassen. Die Kirche hat später bekanntlich behauptet, Jesus habe gesagt, Petrus sei der Fels, auf den die Kirche gebaut werden solle. Alles Lug und Trug, findet meine innere Frau. Eigentlich war nämlich Maria Magdalena die legitime Nachfolgerin von Jesus, denn tatsächlich ist sie ihm am nächsten gestanden.
Wenn die Menschen sich erinnern an das, was geschehen ist, wird alles Bemühen der „christlichen“ Kirche, unliebsames Wissen auszulöschen, gänzlich hinfällig. Und dann wird sich auch erweisen, dass die „christliche“ Kirche gar nicht die Kirche von Jesus ist, sondern die Kirche von Petrus, was doch nicht ganz dasselbe ist. Dann kann vielleicht Maria Magdalena wieder jenen Platz an der Seite von Jesus von Nazareth einnehmen, der ihr eigentlich zusteht. Ein tantrisches Liebespaar als religiöses Leitbild würde für die Menschheit doch einen ganz beachtlichen und höchst erfreulichen Fortschritt darstellen.
aus meinem Buch: „Regenbogenphilosophie“ 2006 Open-Hearts Edition
vgl. Michèle Roberts: „The Wild Girl“ 1984 Minerva








