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Tantrische Erinnerungen

Das tantrische Kloster

Das tantrische Kloster ist eine Schule des Herzens, eine Schule der Liebe und der Ekstase. Es liegt abgelegen im Hinterland von Indien. Selten verirrt sich ein Fremdling dorthin. Das Kloster wird geleitet von einer tantrischen Hohepriesterin und einem tantrischen Hohepriester. Sie haben die Verwirklichung des Göttlichen erlangt. Der Hohepriesterin und dem Hohepriester sind verschiedene Priesterinnen und Priester unterstellt.

 

Im Kloster werden Frauen und Männer angeleitet auf ihrem Weg zur Verwirklichung des Göttlichen. Es herrscht eine klare Hierarchie. Es ist für alle offensichtlich, wie weit die einzelnen Frauen und Männer auf diesem Weg sind. Es handelt sich jedoch nicht um eine vertikale Hierarchie. Diejenigen Frauen und Männer, die weiter sind, erheben sich nicht über die anderen Frauen und Männer. Im Gegenteil, je weiter sie sind, umso ausgeprägter ist ihre würdevolle Demut, ihre selbstbewusste Bescheidenheit. Eine Hauptaufgabe jener Frauen und Männer, die weiter sind, ist es, den Frauen und Männern zu helfen, die noch nicht so weit sind. Die Hierarchie ist völlig offen. Jede Frau hat ihr eigenes Entwicklungstempo. Jeder Mann hat sein eigenes Entwicklungstempo. Alle werden darin vollständig akzeptiert.

 

Der äussere Bereich

Das Kloster hat einen äusseren Bereich und einen inneren Bereich. Der äussere Bereich ist für den Unterhalt des Klosters zuständig. Eine besondere Abteilung kümmert sich um die Aufnahme von neuen Schülerinnen und Schülern. Im inneren Bereich sind der Tempel für Andacht und Meditation sowie die Räume für die Rituale. Der innere Bereich ist ein Ort der Stille. Im Tempel wird grundsätzlich geschwiegen. Auch in den anderen Räumen wird nur dann leise etwas gesagt, wenn es unbedingt nötig ist. Der Weg zum Göttlichen ist ein Weg in die Tiefe. Worte sind dort nicht mehr angebracht. Das Göttliche selbst kann nur als das Namenlose, als das Unnennbare erfahren werden.

 

Manche Neuen kommen als Kinder in das Kloster, manche erst als Erwachsene. Zwischen ihnen wird kein Unterschied gemacht. Mit der Betreuung der Neuen sind bestimmte Priesterinnen und Priester beauftragt. Ihre Aufgabe ist es, den Neuen erst einmal Geborgenheit und Gehaltensein zu vermitteln. So können die Neuen alte Schmerzen loslassen und jene seelische Nahrung in sich aufnehmen, die sie in ihrem bisherigen Leben vermisst haben. Ausserdem werden sie täglich in speziell für sie geschaffenen Meditationsübungen angeleitet.

 

Der innere Bereich

Wenn die Kindheitsbedürfnisse vollständig gestillt sind und die Schülerinnen und Schüler seelisch erwachsen geworden sind, kommen sie in den inneren Bereich. Auch dort fahren sie fort mit ihren Meditationsübungen, einzeln, in Paaren oder in Gruppen. In die Meditationsübungen wird nun auch die Sexualität miteinbezogen. Die Sexualität wird als grundlegende Energie angesehen. Sie kann uns auf dem Weg zur Verwirklichung des Göttlichen wesentlich weiterbringen, wenn wir richtig damit umgehen. Sie kann uns auch wesentlich zurückwerfen, wenn wir falsch damit umgehen. Es ist die Aufgabe der Priesterinnen und Priester, die uns anleiten, das erstere zu gewährleisten und das letztere zu verhindern.

 

Im Kloster ist eine starke Disziplin üblich. Es ist jedoch eine Disziplin, die nicht von aussen auferlegt wird, sondern die von innen kommt. Es werden viele Übungen vorgeschlagen. Arbeit, Liebe, Meditation, alles kann uns weiterbringen. Die Übungen sind allerdings nur eine vorgegebene Form. Es ist völlig freiwillig, ob wir uns daran halten oder nicht. Wenn wir uns nicht daran halten, sind wir einfach noch nicht so weit, und wir können nicht zur nächsten Stufe des Weges voranschreiten. Jeder Frau und jedem Mann wird all die Zeit zugestanden, die sie brauchen für ihre Entwicklung.

 

Die Übungen

Die Übungen sind grundsätzlich paradox. Sie sind ganz auf das Ziel ausgerichtet, zur Verwirklichung des Göttlichen zu gelangen. Zugleich ist die Grundhaltung dabei, völlig im Hier und Jetzt zu sein und alle Ziele aufzugeben. Besonders bedeutsam sind die Partnerübungen zwischen Frau und Mann. Davon gibt es vielerlei Varianten. Den Auftakt bildet jeweils das Gegenübersitzen in gemeinsamer Meditation. Der Augenkontakt eröffnet den Einblick in die Seele, sowohl in die Seele des Gegenübers wie auch in die eigene Seele. Ausgiebig gepflegt wird auch die Umarmung. Dabei wird besonderer Wert darauf gelegt, dass zwischen den Herzen von Frau und Mann ein warmer Energiestrom spürbar wird.

 

Eine weitere Übung besteht darin, sich an den Händen zu halten und mit den Fingern die Energien zum Ausdruck zu bringen, die zwischen den Händen fliessen. Es ist eine Art Fingerturnen, eine feine Möglichkeit, Gefühle der Vertrautheit, der Zärtlichkeit und der Liebe miteinander auszutauschen. Schliesslich kommt auch häufig die Übung vor, einfach nur regungslos beieinanderzuliegen und die Energien zu spüren, die dabei zum Fliessen kommen. Höhepunkt der Partnerübungen ist natürlich die tantrische sexuelle Vereinigung.

 

Im Moment sein

Auch die Partnerübungen gelten völlig dem Moment. Die einzelnen Paare machen zwar die Übungen über längere Zeit gemeinsam, da dabei eine immer stärkere Übereinstimmung der Energien zustande kommt. Sobald jedoch zwischen den Beteiligten eine Abhängigkeit entsteht und sie sich gegenseitig festhalten wollen, was den Priesterinnen und Priestern nicht entgehen kann, werden sie unerbittlich getrennt. Entweder bekommen sie einen neuen Partner, eine neue Partnerin, oder sie werden gar zurück in den äusseren Bereich versetzt, um sich dort nochmals ihren Kindheitsbedürfnissen zu widmen.

 

Völlig im Moment zu sein bedeutet, dass jeder Moment der letzte sein kann. Keine Erfahrung lässt sich aussen festhalten. Jede Erfahrung lässt sich innen aufrechterhalten. Jeder Moment kann die Trennung bedeuten. Jeder Moment kann den Tod bedeuten. Es ist eine Liebesbeziehung mit dem Tod. Dies bringt alles Anklammern und alle Eifersucht zum Verschwinden. Wer klammert sich schon an den Tod? Wer ist eifersüchtig auf den Tod? Der Tod ist überall. Den Tod zu akzeptieren heisst, die Illusion des Getrenntseins aufzugeben. Der Tod ist Loslassen. Der Tod ist Freiheit. Aus dieser Freiheit heraus wird wahre Liebe überhaupt erst möglich.

 

Die heilige Hochzeit

Den Frauen und den Männern ist im Laufe der Menschheitsgeschichte vom anderen Geschlecht unermesslicher Schmerz zugefügt worden. Sie haben Kastration, Beschneidung, Missbrauch, Vergewaltigung und Kindesraub erleiden müssen. Solange sie sich diesem Schmerz nicht stellen, werden sie ihn immer wieder weitergeben. Es gilt nun also, diesen Schmerz nicht länger abzuwehren, indem dem anderen Geschlecht erneut Gewalt angetan wird. Es gilt vielmehr, selber die Verantwortung für den eigenen Schmerz zu übernehmen und den Schmerz vorbehaltlos zu akzeptieren und loszulassen. Nur so können die innere Frau und der innere Mann zurück zu ihrer ursprünglichen Unschuld finden. Nur so kann der lange ersehnte Frieden zwischen ihnen einkehren.

 

Wenn die innere Frau und der innere Mann wieder in ihrer ursprünglichen Unschuld sind, öffnet sich ihr Herz, und sie können gar nicht anders, als sich ineinander zu verlieben. Dann findet zwischen ihnen die heilige Hochzeit in der inneren Hochzeitskammer des Herzens statt. Die heilige Hochzeit zwischen innerer Frau und innerem Mann bedeutet Auferstehung ins Licht. Die heilige Hochzeit bedeutet ewiges Leben. Die heilige Hochzeit ist das, was als die Verwirklichung des Göttlichen bezeichnet wird. Die Widerspiegelung der heiligen Hochzeit zwischen innerer Frau und innerem Mann in einer äusseren Beziehung ist das, was als wahre Liebe bezeichnet wird.

 

 

aus meinem Buch: „Regenbogenphilosophie“ 2006  Open-Hearts Edition

 

Kornkreis 3